Vor ein paar Jahren bin ich auf der gamescom zufällig über diesen Titel gestolpert und habe mich beim Anspielen darin verloren. Bereits damals wanderte der Titel auf die Liste der Spiele, deren weitere Entwicklung und vor allem deren Release ich verfolgen werde. Ob sich die positiven Eindrücke aus den wenigen Minuten jetzt auch über die gesamte Länge der Spielzeit halten können? Oder sind die für die Entwicklung Verantwortlichen an den hohen Genreansprüchen gescheitert, wie eine Hexe vor der Inquisition? Kommt mit und lernt Mandragora und die Geschichte rund um Hexen, Verschwörungen und Fantasie kennen!
Konsole: Playstation 5
Autor: Alex
Inhaltsverzeichnis

Gameplay: Großes Genre-Gewusel
Ehrlicherweise ist der Bereich „Indie“ keiner, in dem ich mich wirklich häufig aufhalte. Aber es ist einer, in dem ich immer öfter mal lande. So war das auch hier bei „Mandragora: Whispers of the Witch Tree“. Ein Titel, der für das verantwortliche Studio als Erstlingswerk in die Studiogeschichte eingehen wird. Bisher war das Primal Game Studio ausschließlich mit Zu- und Unterstützungsarbeiten für „League of Legends“ beschäftigt. Mit „Mandragora“ widmet man sich jetzt zum ersten Mal einem anderen Titel und verlässt dafür das bisher einzig vertraute Game-Genre.
Doch für welches Genre man sich für das erste Spiel entscheiden soll, ist eine schwere Entscheidung. Die Verantwortlichen haben sich daher für einen ganz schön beachtlichen Mix verschiedenster Genre und deren Einflüsse entschieden. Im Kern ist „Mandragora: Whispers of the Witch Tree“ allerdings ein 2,5 Action-RPG. Diese Kernelemente des Genres lassen sich auch keinesfalls leugnen und machen den Großteil des Spielerlebnisses aus. Abgesehen von diesem „Kerngenre“ hat das Spiel aber auch Einflüsse aus den Genres Metroidvania (Kartenaufbau) und „Soulsborne“ (Gegner-Inszenierung, Combat, Umgang mit Erfahrungspunkten). Man könnte jetzt den Titel also als „soulsborniges Metroidvania-2,5-D-Action-Roleplay-Game“ bezeichnen – machen wir aber nicht. Versprochen!
Persönlich bin ich immer Fan davon, wenn sich ein Werk nicht sklavisch an seine Genre-Grenzen klammert und sich auch Elementen von anderen Genres öffnet. Denn das macht für mich dann durchaus auch ein gelungenes Gameplay aus. Vor allem in der aktuellen Zeit, in der Videospiele in so großen Scharen auftreten, muss man sich schon etwas einfallen lassen und da ist das Verharren in einem Genre sicherlich nicht die beste Entscheidung. „Mandragora: Whispers of the Witch Tree“ gelingt der Genre-Mix, so viel will ich schon mal verraten und ebnet sich alleine dadurch den Weg hin zu einem grundsoliden Premierentitel für das Primal Game Studio.

Motivation: Da ist noch ein blinder Fleck auf der Karte!
Der größte Antrieb für mich, mich durch die Welt von „Mandragora: Whispers of the Witch Tree“ zu schnetzeln, prügeln oder zu zaubern war tatsächlich für eine lange Zeit nicht die Handlung, sondern die Welt und seine Karte. Bereits in den ersten Minuten wurde ich von der faszinierenden Welt gepackt, in die man als junges Mitglied der örtlichen Inquisition landet und auf eine erste Hexenjagd geschickt wird. Dabei lernt man auch erste NPC´s kennen und die lassen bereits erahnen, dass man sich hier in einer bemerkenswerten Welt befindet.
Hinzukommt dann das zentrale „Metroidvania-Element“ des Spiels: Die arg verwinkelte und erst nach und nach erkundbare Karte (ja inklusive „Backtracking“). Mich kann man mit diesem Element durchaus locken, immer wieder einen neuen Bereich zu entdecken. Dabei ist es für mich egal, ob ich zuvor schon einmal in der Gegend war oder nicht. Wird mich ein Schatz oder ein bisher unbekannter Gegner erwarten? Vielleicht gar ein NPC, der sich meiner Mission anschließen will und ich dadurch Vorteile für meine weitere Reise freischalte?

Durch diese sehr fesselnde Kombination aus Metroidvania-Karte und faszinierende Welt inkl. Bewohner gelingt es den Verantwortlichen schnell an das Spiel zu fesseln. Die sich leider erst spät als wirklich emotional entwickelnde Handlung von „Mandragora: Whispers of the Witch Tree“ liefert dann einen weiteren Baustein für eine gelungene Spielmotivation, dazu aber erst später. Zunächst wollen wir uns einem Bereich des Spiels widmen, den ich persönlich als überfordernd empfunden habe…
Steuerung: Viel zu viel Auswahl
Bevor wir uns im Dickicht der Optionen verirren, bleiben wir einmal bei den Grundlagen und da überrascht der Titel auch nicht mit großen Abweichungen. Eure Spielfigur kann neben Laufen auch Rennen, Springen und entweder per Ausweichschritte oder -rolle Angriffen entgehen oder sich in taktisch kluge Positionen begeben. Je nach Ausrüstung könnt ihr bis zu vier Angriffs- oder Verteidigungsaktionen gleichzeitig belegen und zwei Ausrüstungssets per Knopfdruck wechseln. Hinzukommen noch knapp zehn Items, die ihr per Schnellauswahl einsetzen könnt. An dieses Grundmuster hat man sich mehr oder weniger schnell gewöhnt, da beginnt das Spiel auch schon einen mit seiner gigantischen Auswahl an Optionen zu belagern.
Dabei meine ich jetzt nicht einmal die verschiedenen Ausrüstungsgegenstände, die beschränken sich auf den Genre-Standard und treten auch nicht in übermäßiger Häufigkeit auf. Vielleicht die einzige Sache, bei der man aktiv lediglich schauen muss, dass man immer die beste Variante dabeihat – oder sie sich herstellt.

Und damit willkommen im Wahnsinn des Hexenbaums – der gibt dem Spiel nicht nur seinen Beititel, sondern fungiert auch als eine Art „Hub“ im Spiel. Je weiter ihr in der Geschichte voranschreitet, desto mehr Menschen schließen sich euch und euren Überzeugungen an und kommen mit ihren Wagen zur Karawane an den Hexenbaum. Dort könnt ihr irgendwann nicht nur Gerichte und Tränke herstellen, die eure Werte aufpolieren. Ihr könnt auch Rüstungen schmieden oder nähen lassen, Waffen herstellen, und all das auch noch individuell verbessern. Weit über 300 Ausrüstungsgegenstände oder Waffen könnt ihr somit über den Verlauf des Spiels selbst entdecken, kaufen oder herstellen. Je nach gewählter Waffe, müsst ihr ggfs. eure Rüstung überdenken, denn manche Waffen unterstützen eher schwere, andere wiederum leichte Rüstungen. Auch die Frage ob ihr eine Zweihandwaffe, zwei Einhandwaffen oder eine Einhandwaffe und Schild oder Einhandwaffe und Magiesiegel zum Beschwören von Zaubern… Gar nicht so einfach die Entscheidung, oder?
Aber wir sind auch noch lange nicht am Ende des Entscheidungsmarathons, denn das Spiel gibt euch auch insgesamt SECHS Fähigkeitenbäume an die Hand. Und nein: Ihr müsst euch nicht für einen entscheiden, sondern könnt theoretisch Fähigkeitenpunkte in jedem Baum investieren. Und die Fähigkeitenpunkte? Die bekommt ihr in allererste Linie durch das Aufleveln durch die Investition von Seelenpunkten an Speicherpunkten (=Soulsborne-Element). Persönlich habe ich mich in meinem Durchgang für einen der Bäume entschieden, aber wie schon gesagt: Eure Entscheidung.

War es das jetzt mit den Gameplay- und Steuerungsoptionen fragt ihr euch? NEIN, das war es noch nicht. Denn neben den Fähigkeitenbäumen gibt es auch noch individuell passende Relikt-Fähigkeiten. Die Relikte sind dabei an die Fähigkeitenbäume angelehnt – es gibt also sechs verschiedene Typen und jeder Typ liefert zwischen sieben und neun individuelle Fähigkeiten. Von denen ihr zweimal drei in „Fähigkeiten-Sets“ bestimmen könnt.
Das war´s jetzt aber wirklich.
Inhalt: Hexenzirkel oder Inquisition?
Ihr habt euch vielleicht die schlechtmöglichste Zeit ausgesucht, um neu in der Inquisition anzuheuern. Denn diese ist nicht nur einer Hexe auf der Spur und euer Befehlshaber sieht sich schon als der neue Machthaber der gesamten Gegend. Auf der Suche nach der Hexe werdet ihr tatsächlich fündig, doch eine kleine Unsauberkeit eurerseits verschafft euch den Unmut des Befehlshabers. Wie könnt ihr das wieder gut machen? Ihr beschafft ihm einfach eine weitere Hexe, die sich irgendwo in den Landen verstecken soll. Doch auf dieser Reise werdet ihr weit mehr als eine Hexe finden.
Denn immer wieder hört ihr Stimmen, trefft auf verschiedenste Charaktere, die Zweifel in euch schüren. Ist dieser Befehlshaber und Geistliche wirklich eine so heilige Seele, wie er vorgibt zu sein? Als sich euch dann die „Stimme aus eurem Kopf“ schlussendlich zeigt, spürt ihr, dass nicht die Hexen das Problem in dieser Welt sind. Und ein weitaus übleres Schicksal direkt auf euch zusteuert…

Präsentation: Dark-Fantasy-Schmankerl
Wenn einen ein Spiel wegen seiner Welt und seiner Charaktere in den Bann zieht, dann steht das meist auch in direktem Zusammenhang mit seiner Präsentation. Bei „Mandragora: Whispers of the Witch Tree“ ist das zumindest der Fall, denn die Präsentation lässt keine Wünsche offen. Die generelle Gestaltung von Bereichen, Welt und Charaktere ist düster gehalten. Man sieht den Menschen an, dass die Welt, in der sie leben, keine schöne ist und alle sind ein wenig auf ihre ganz eigene Art von ihr gezeichnet. Kombiniert mit einer großartigen Synchronisation verschmilzt das zu einem herrlichen Gesamtbild. Die Umgebungen, Gebäude und Dungeons sind herrlich schmuddelig bis gruselig gestaltet. Immer tropft was von der Decke, oder ihr müsst durch eine Pfütze aus irgendwas waten. Blutige Schlieren, schmutzige Fließen, heruntergekommene Anwesen, Spinnenweben samt ihrem achtbeinigen Bewohner – kombiniert mit einem Mittelalter-Fantasy-Touch. Als Fantasy-Fan ist das für mich ein herrliches Bild gewesen und ich mochte jeden Winkel der Karte. Übrigens auch mit ein Grund dafür, warum ich auch wirklich jeden Fleck der Karte entdecken wollte. Man will sich einfach nicht aus der Welt von „Mandragora“ verabschieden.

Abgesehen von der optischen Inszenierung, habe ich ja mit Blick auf die Vollsynchronisation der Charaktere ja schon erwähnt, dass auch die Akustik zu überzeugen weiß. Nebst der wirklich gelungenen Synchronisation liefert der Titel auch einen hörenswerten Soundtrack. Der ist von sehr schweren und wuchtigen Musiken und Melodien getragen. Alleine die Menümusik, lässt schon „Game of Thrones“-Vibes aufkommen.
Fazit: Gelungene Premiere
Auch wenn die Handlung einen nicht sofort ab dem ersten Moment abholen will, so übernehmen, dass dann halt die Welt und seine Charaktere. „Mandragora: Whispers of the Witch Tree“ als Erstlingswerk zu bezeichnen wirkt fast ein wenig falsch, denn der Titel weiß zu überzeugen und das, ohne sich wirklich anmerken zu lassen, dass das Team dahinter noch nie ein eigenes Spiel veröffentlicht hat. Die Inszenierung einer düsteren Fantasy-Welt, in der Hexen gegen Inquisitoren kämpfen und beide Seiten dabei ein düsteres Geheimnis tragen, weiß von der ersten bis zur letzten Sekunde zu überzeugen.
Ähnliches kann man für den großen Mix an Genres festhalten. Sowohl die Soulsborne- wie auch die Metroidvania-Elemente verbinden sich sehr harmonisch und angenehm mit dem Hauptgenre. So wird „Mandragora: Whispers of the Witch Tree“ ein etwas anderes 2,5-D-Action-RPG, das einzig ob seiner gigantischen Auswahl an Ausrüstungs- und Fähigkeitenoptionen abschrecken kann. Doch wenn man mal die für sich besten Optionen ausgemacht hat, macht es den finalen Klick und man ist fest entschlossen auch den letzten Winkel der Karte aufdecken zu müssen und vor allem die Geheimnisse von Mandragora, dem Flüstern und dem Hexenbaum entschlüsseln zu wollen.

Keep on Gaming!
Wertung
Pro und Contra
| Pro | Contra |
| Gelungener Genremix | Zu viele Rüstungs-, Waffen- und Fähigkeitenoptionen |
| Ansprechende Inszenierung | Handlung kommt etwas schwer in die Gänge |
| Großes Schnellreise-Netzwerk | |
| Viele Rüstungs-, Waffen- und Fähigkeitenoptionen |
Score
| Kategorie | Punkte | Begründung |
| Motivation | 7 | Ob der Aspekt „Metroidvania“ jetzt fördernd oder störend für die Motivation ist, ist eine subjektive Entscheidung. Für mich war es ersteres und hat gemeinsam mit den charmanten und skurrilen Charakteren sowie die Inszenierung der Welt von „Mandragora“ für mich zur starken Immersion in das Spiel beigetragen. |
| Steuerung | 7 | Was im Kern ein recht simples Action-RPG mit Soulsborne-Aspekten sein will, entpuppt sich aufgrund seiner unzähligen Möglichkeiten in Sachen Ausrüstung und Fähigkeiten zu einem wahren Entscheidungsalbtraum. Sich davon nicht abschrecken zu lassen fällt extrem schwer. |
| Inhalt | 7 | Die ersten Stunden des Spiels und seiner Handlung sind eher herausfordernd, denn mitreißend. Denn das Spiel weiß hier noch nicht wirklich zu begeistern und auch die Handlung ist mehr „Standardbrei“ als packendes Storytelling. Doch ungefähr zur Hälfte dreht sich das dann und man wird immer mehr in eine am Ende überraschend emotional aufgeladene Verschwörung hineingezogen. |
| Präsentation | 9 | Sowohl die optische wie auch akustische Inszenierung wissen auf sehr hohem Level zu überzeugen. Gerade die Charaktere und deren Synchronisation machen für mich einen Großteil des Charms dieses Spiels aus und können gemeinsam mit der düsteren Welt und ihre teils furchterregenden Bewohner das Immersionslevel nach oben treiben. |
| Gesamt | 75 % | Was als „Zufallsfund“ auf der gamescom für mich begonnen hat, endet in einer wirklich gelungenen Premiere. Von Unterstützungsarbeiten für „League of Legends“ hin zum eigenen Spiel – eine Entscheidung, die das Primal Game Studio nicht zu bereuen hat. Ich mochte die ansprechende und emotionale Handlung, die in eine audiovisuell ansprechende wie mitreißende Welt gehüllt ist. |
Infos
| Publisher | Knights Peak Interactive |
| Entwickler | Primal Game Studio |
| Plattform | Playstation 5 Xbox Series X/S Nintendo Switch PC Windows |
| Genres | 2,5D-Action-RPG, Metroidvania, Soulsborne |
| Release | 17. April 2025 |
| Website | https://mandragoragame.com/# |
| Preis (Stand: November 2025) | PC: ca. 26 € Playstation: ca. 35 € Xbox + Nintendo: ca. 40 € |
| Altersfreigabe | USK 16 |
| Spielzeit | Ca. 33 Stunden (gesamte Karte + alle Quests) |